Lehrveranstaltung

Beschreibung der Lehrveranstaltung

Ihr Lieben,

daß ich Euch aufmache in der Köthener Straße, wenn Ihr mal ganz früh klingelt – wegen einer ganz ganz dringenden Projektangelegenheit – das wird im Wintersemester 85/86 nicht passieren. Denn ich bin beurlaubt (nach rund 9 Dienstjahren in der Künstlerweiterbildung an der HdK). Beurlaubt „zu wissenschaftlicher Tätigkeit unter Wegfall der Bezüge“. (Bezahlte Urlaubs- und Forschungssemester gibt es für Leute von unserer Kategorie nicht).

Zu deutsch: ich schreibe an einem Buch über die Rütlischule. Schon mal was gehört von dieser Volksschule in Berlin-Neukölln? Von Jensen, Hoffmann, Wittbrodt oder Weigelt – den Lehrern aus der Blütezeit in den 20er Jahren – vom Erlebnisaufsatz, vom Rütlisingekreis oder von Schülerstreiks und proletarischen Elternbeiräten? Nein? Nun, dann ist das ein Grund mehr, dieses Buch endlich zu schreiben.

Die Rütlischule war eine der bedeutendsten Reformschulen im Berlin der 20er Jahre. Und es war kein Zufall, daß es sie gerade im roten Neukölln gab, denn sie beruhte auf der Voraussetzung der direkten Einflußnahme der kämpferischen Arbeiterklasse auf das staatliche Schulwesen. Heute würde man eine solche Schule vielleicht eine Kiez- oder Alternativschule nennen; aber das trifft die Rütlischule nicht genau, weil die politische und pädagogische Linie der Schule von einer klassenbewußten Arbeiterschaft und von mit ihr sympathisierenden fortschrittlichen Lehrern entscheidend geprägt wurde, was man wohl von heutigen Alternativschulen nicht sagen kann. Die Rütlischule war ein Schulversuch, der von der Neuköllner Arbeiterklasse erkämpft worden ist und darum auch mit besonderem Engagement gegen die Angriffe reaktionärer Kreise, die in ihr eine „Kommunistenpenne“ sahen, verteidigt wurde. Die Arbeiter erkannten sich im Reformprogramm der Schule, in Erziehung und Unterricht ihrer fortschrittlichen Lehrer wieder – daher die hohe Identifikation mit dieser Schule, die bei vielen Ehemaligen bis heute angehalten hat.

Die Identifikation mit der Schule schloß aber auf der anderen Seite Widersprüche über den richtigen Weg der Erziehung der Arbeiterkinder nicht aus. Zwischen Arbeitereltern und Lehrern, zwischen Mitgliedern der SPD und der KPD unter Eltern, Lehrern und Schülern gab es solche Widersprüche z. B. wegen der Schülerstreiks, wegen des teilweise antiautoritären Unterrichts mancher Lehrer, wegen des Vorrangs von Spiel und musisch-literarischer Erziehung (Vorwurf: die Kinder lernen nicht genug!) oder wegen der sozialdemokratischen Schulpolitik des damaligen Neuköllner Schulstadtrats Kurt Löwenstein.

Welcher Art diese Widersprüche waren, wie sie zwischen der Schule und den Eltern ausgetragen wurden, wie sie unter den Lehrern gewirkt haben und unter den Schülern – das sind Fragen, denen ich in meinem Buch nachgehen will. Mich interessiert, mit welchen Zielvorstellungen die klassenbewußten Eltern in die praktische Schularbeit eingegriffen haben und was dabei herausgekommen ist. Und: ist es richtig, die Rütlischule eine „antifaschistische Schule“ zu nennen, wie es gelegentlich unter Hinweis auf die sog. Rütligruppe passiert, die im Widerstand gegen Hitlerdeutschland gestanden hat? Die Rütligruppe war eine Widerstandsgruppe junger Arbeiter, die vor 1933 die Rütlischule besucht hatten.

Ich verstehe mein Buch nicht nur als einen Beitrag zur Erforschung des roten Neukölln der 20er Jahre und der Lebenswirklichkeit des proletarischen Kindes, sondern auch als einen Versuch zur Klärung der aktuellen Fragen, welche Möglichkeiten die Schulreform im Kapitalismus überhaupt hat und an welche Grenzen sie immer stoßen wird. Und ich bin sicher, daß ich dabei auch auf pädagogische Neuerungen stoßen werde, die gut in eine heutige Versuchsschule passen würden, von denen wir lernen könnten.

Ihr seht also: mit meinem Vorhaben liege ich kaum im Trend. Ich versenke mich nicht in mich selbst, reise nicht nach Indien, baue kein Haus in Westdeutschland oder steige gar einfach mal aus.

„Unter Wegfall der Bezüge“ – das gilt deshalb auch nur fürs Geld, das ich im Wintersemester nicht bekomme. Im Gegenteil: ich erhoffe mir durch die Arbeit an dem Buch, daß sich meine Bezüge noch weiter festigen – z. B. durch die Gespräche mit den Menschen, die oft heute noch so begeistert von ihrer Rütlischule berichten, als wären sie noch mitten drin, durch genauere Kenntnisse vom Leben und Kampf der Menschen im roten Neukölln, durch Aufstöbern von Dokumenten und Zeugnisse der praktischen pädagogischen Arbeit der Schule – aber auch durch die wissenschaftliche Kritik an dem Antiautoritarismus, der an der Rütlischule eine starke Strömung war.

In allem stecken auch aktuelle Lehren, die für meine Bezüge und Orientierungen in der Praxis der Arbeitsstelle – wenn auch in einem indirekten Sinne nur, da wir es ja nicht mit der Lehrerbildung zu tun haben – von Bedeutung sind.

Ich würde mich freuen, wenn ich im Laufe des Wintersemesters einmal ausführlicher über meine Arbeitsergebnisse mit Euch reden könnte.

In großer Entdeckervorfreude – E